Warum Kinder spielen - Vortrag von Dr. Remo Largo am 10.6.2010

Bemerkung Der Vortrag war dicht gepackt mit Informationen - wer es genau wissen will lese die Bücher von Prof. Largo...
Warum befasst sich ein Kinderarzt mit dem Spiel ? Prof. Largo hat sich in in den USA während 2 Jahren mit dem Spiel beschäftigt, da es auch mit der Sprachentwicklung in Verbindung steht.
Zum Spiel Hier ist von Kinderspielen (play) die Rede, weniger vom Sport (game). Wenn Kinder wach sind, spielen sie die meiste Zeit. Das Spiel erscheint oft beliebig, ist aber bei genauerer Untersuchung sehr strukturiert und rigide.
Sinn des Spiels Erfahrungen für die Entwicklung sammeln ! Wir verstehen nicht immer alles, aber es ist immer sinnvoll.
Entwicklungsstand Das Spiel reflektiert den Entwicklungsstand. Je nach Kind kommen die einzelnen Stadien früher oder später, aber fast immer in der gleichen Reihenfolge. Wenn ein Kind mit einem Stadium "fertig" ist, sind diese Spielmuster nicht mehr interessant.
Voraussetzungen Kinder müssen sich körperlich und psychisch wohl fühlen, und dürfen sich nicht vernachlässigt oder abgelehnt fühlen.
Rolle der Eltern Die Eltern sollten für eine geeignete Spielumgebung und Spielmaterial sorgen - den Rest übernehmen die Kinder. Man muss den Kindern nichts beibringen, kann es auch nicht. Die Kinder werden dadurch oft demotiviert. Kinder tun das was sie können. Üben ist frustrierende Zeitverschwendung für das Kind. Eigene Erfolgserlebnisse sind viel wertvoller, auch wenn es etwas mehr Zeit braucht.
Wie nehmen Kinder ihre Umwelt wahr ? Nach einem Jahr kennen Kinder die typischen Gegenstände in ihrer Umgebung. Die Erkundung erfolgt lange Zeit nicht durch die Augen, sondern mit dem Mund oder den Händen. Geeignete Gegenstände ? Alle ungefährlichen Gegenständer die in der Umgebung vorkommen, z.B. in der Küche. Alles was die Mutter braucht ist besonders interessant. Kulturelle Unterschiede ? Eigentlich nicht, Kinder erforschen was immer da ist.
Orales Erkunden Bis etwa 15 Monaten erkunden Kinder Gegenstände mit den Lippen, Mund und Zunge. Sie bekommen dabei eine erstaunlich genaue Vorstellung (inneres Bild) für die Form von Gegenständen. Trotz den Vorbehalten von Hygiene und Risiken sollten Kinder nicht daran gehindert werden.
Manuelles Erkunden Ab etwa 6 Monaten werden Gegenstände manuell erkundet. Was macht der Gegenstand wenn man ihn auf den Tisch schlägt, oder auf den Boden fallen lässt ? Auch eine Gelegenheit um die Eltern einzubeziehen (die alles wieder aufheben dürfen).
Visuelles Erkunden Ab etwa 9 Monaten. Ausnahme: Kinder reagieren schon früh auf Puppen mit einem realistischem Gesicht. Bilder sind ab etwa 12 Monaten interessant. Mobiles über dem Bett sollten nicht zu hoch hängen, und sind besonders interessant wenn das Kind es selber in Bewegung versetzen kann / etwas bewirken kann.
Akustisches Erkunden Musik, Sprache und Geräusche. Beispiel Rassel - auch hier kann das Kind etwas bewirken.
Raumspiel Ausräumen und Einfüllen. Turm bauen ab etwa 18 Monaten (vertikal). Zug (horizontal) ab etwa 2 Jahren. Kombinationen oder Räume folgen später, ca. 3.5 Jahre. Spiel mit Puppenmöbeln ab etwa 2 Jahren. Bau nach Plänen je nach Kind ab etwa 4 bis 5 Jahren.
Raumspiel und Sprachentwicklung Mit dem Raumspiel kommt auch das Verständnis für Präpositionen - in - auf / unter - hinten / vorne - links / rechts.
Denken Gedächtnis, Mechanismen zum Verstehen von kausalen Beziehungen. Kategorisieren / unterscheiden / sortieren, ab ca. 18 bis 24 Monaten. Beispiel: Farben sortieren. Ordnungstrieb ? nicht wirklich.
Nachahmung / Vorbilder Wir können Kinder nicht erziehen, sie machen uns eh alles nach ! (Karl Valentin).

Kinder werden wie ihre Vorbilder, Bezugspersonen und andere Kinder in ihrer Umgebung. Kind kann nur spielen was es selber erlebt hat, z.B. wie die Eltern mit ihnen umgehen. Kinder so weit wie möglich in das Alltagsleben einbeziehen.

Funktionelles Spiel Spiel mit Bürste, Löffel, Telefon usw. Gerade das Telefon ist beliebt weil es von den Eltern mit Affekt benützt wird, und ev. eine gewisse Eifersucht entsteht (sei still, ich telefoniere).
Repräsentatives Spiel Beispiel: Puppe füttern. Hohe Leistung, Primaten oder gewisse autistische Kinder können es nicht.
Sequenzielles Spiel Beispiel: Abendessen mit Puppenmöbeln nachspielen. Ab etwa 2 Jahren.
Rollenspiel ab etwa 4 Jahren.
Soziales Spiel Geht nur wenn Vorbilder / andere Kinder da sind.
Einzelkinder / mehrere Kinder ? Kinder sind die besten Lehrer... Am besten ist der Altersabstand nicht zu gross, 1 bis 2 Jahre. Das zweite Kind entwickelt sich tendenziell schneller. Einzelkinder sollten in eine Krippe gehen. Ein einzelnes Kind hüten ist oft mühsam, vier Kinder beschäftigen sich selber...
Spielen in der Natur ? Erfahrungen in der Natur sind sehr wertvoll. Hyperaktivität ist im Wald nie ein Problem, man hört auch selten "ich will nach Hause". Bis vor 200 Jahren sind Kinder vor allem im Freien aufgewachsen. Übergang zur Schule → ruhigsitzen hängt auch von anderen Faktoren ab.
Gutes Spielzeug ? Nicht pauschalisieren, Fisher Price ist grässlich aber die Kinder lieben es. Was ein gutes Spielzeug ist, bestimmt das Kind. Barbie-Puppen, Ritter und Monster...
Schule Kinder bringen sich in 5 Jahren extrem viel bei - und dann soll lernen nur noch mit Lehrern gehen ? 45 bis 50 Minuten pro Lektion sind nicht kindgerecht (Ursprung: Klosterschule im Mittelalter). Kinder sind zwischen 6 und 10 Jahren besonders aktiv - und dann sollen sie still sitzen...
Malen Je nach Kind sehr grosse Unterschiede im Alter. Bei manchen Kindern gegenständlich ab etwa 2.5 bis 3 Jahren, andere erst mit 5 bis 7 Jahren. Hängt auch mit visueller Wahrnehmung, Motorik und Familie zusammen.
Lesen Manche Kinder lernen schon mit 2.5 bis 3 Jahren selber lesen, die meisten zwischen 6 und 8 Jahren. Einige Kinder erst mit 10 bis 12 Jahren. In CH ca. 500'000 nur beschränkt lesefähig, 50'000 können überhaupt nicht lesen ! Ideal: warten bis Kinder bereit sind. Kinder sind keine homogene Gruppe, die Schule sollte sich danach richten.
Literatur Babyjahre (Ausgabe 2007)
Schülerjahre